Alternativer Epilog: ILDGS
Mase
Heute war unser vierzehnter Hochzeitstag. Lizzie, unsere Tochter, war inzwischen in der Pubertät und verstand nicht, warum sie uns begleiten sollte, obwohl Lorelai und ich es ihr mit Sicherheit schon drei Dutzend Mal erklärt hatten. Meine Tochter sah aus wie ihre Mutter, die immer noch oben war und sich für unseren Ausflug fertigmachte. Evan, unser Sohn, hingegen sah mir wesentlich ähnlicher als Lorie.
Vor vier Jahren hatte der Krebs wieder angefangen zu wachsen, und beinahe hätte diese gottverdammte Krankheit es geschafft, mir Lorie doch noch zu nehmen. Aber die Ärzte konnten den Tumor ein weiteres Mal entfernen, danach hatte Lorie eine neue Therapie bekommen. Sie war durch die Hölle gegangen und wir waren dabei stets an ihrer Seite. Glücklicherweise hatte sie es noch einmal geschafft, dem Krebs in den Hintern zu treten.
Seit drei Jahren zeigten die bildgebenden Untersuchungen keine Veränderungen mehr und ich hoffte, dass wir erleben würden, was ich ihr damals versprochen hatte.
Mark sprach nie davon, dass sie geheilt war. Er sagte, dass der Krebs jederzeit wiederkommen könnte, doch das wussten wir leider, da wir es ja nun schon einmal erlebt hatten. Lorie musste jedes halbe Jahr zur Kontrolle und in den Tagen davor schlief keiner von uns besonders gut. Wenn sie Kopfschmerzen hatte oder etwas vergaß, bekam ich es heute noch mit der Angst zu tun. Wahrscheinlich würde sie nie ganz verschwinden, doch ließen wir nicht unser Leben von ihr bestimmen. Ich ließ es einfach nicht zu.
»Muss ich wirklich mitkommen?«, fragte Lizzie genervt und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich könnte doch rüber zu Lynn gehen.«
»Lynn kommt ebenfalls mit«, antwortete ich, als ich meine Jeansjacke anzog. »Vada hat vor zehn Minuten geschrieben, dass sie auf dem Weg hierher sind.«
»Aber warum müssen sie überhaupt mitkommen? Es ist doch euer Hochzeitstag, Dad!«, wandte sie ein.
Ich sah meine Tochter an. »Weil dieser Tag der Familie gehört.«
»Das ergibt überhaupt keinen Sinn, denn ihr habt geheiratet und nicht wir.«
Ich schnaubte unzufrieden, doch dann schüttelte ich den Kopf. »Ohne die Hochzeit deiner Tante hätte es die Hochzeit deiner Mom und mir nie gegeben und dich vermutlich auch nicht, Kleines.« Ich verzog meine Lippen zu einem Lächeln. »Also, wenn du nicht willst, dass ich dir erzähle, wie wir dich gezeugt haben, hörst du jetzt besser auf.«
Sie verdrehte die Augen. »Du bist so peinlich, Dad!«
Ich lachte leise. »Das gehört zu meinen Aufgaben als dein Vater.«
Evan stimmte in mein Lachen mit ein. Er stand neben seiner Schwester und hielt den Strauß aus roten Lilien und weißen Rosen fest, den ich vorhin beim Floristen abgeholt hatte. Jedes Jahr an unserem Hochzeitstag schenkte ich Lorie genau die Blumen, die damals auch in ihren Brautstrauß eingearbeitet waren.
»Wenn eure Mom kommt, fahren wir los«, wandte ich mich an die Kinder und schaute die Treppe hoch. »Lorie, wir warten auf dich!«
»Ich bin gleich so weit!«, rief sie.
Mein Herz schlug schneller, nur weil ich ihre Stimme hörte. Manchmal konnte ich kaum fassen, dass ich so viel Glück hatte. Vor vier Jahren hatte ich ernsthaft geglaubt, dass ich sie verlieren würde. In einer Nacht hatte ich an ihrem Bett gesessen, ihre Hand gehalten und Mark angefleht, irgendetwas zu tun, um sie zu retten. Es war ganz gleich, was es gekostet hätte oder wohin wir hätten fahren müssen. Lorie hatte damals kaum noch Kraft gehabt und trotzdem hatte sie mich angesehen und mir versichert, dass sie nicht aufgeben würde. Nicht dieses Mal, da sie unsere Kinder aufwachsen sehen wollte. Sie wollte unbedingt mit mir alt werden und auf der Veranda sitzen, damit wir unseren Enkelkindern beim Spielen im Garten zusehen konnten.
Und ich wollte gottverdammt noch mal dafür sorgen, dass dieser Traum wahr werden würde.
Als Lorie die Treppe herunterkam, vergaß ich für einen Moment zu atmen. Ihre nachtschwarzen Haare fielen ihr über die Schultern. Ich wusste, dass auf der rechten Seite ihres Kopfes die feine Narbe von den Operationen war, die knapp über ihrem Ohr begann, jedoch von ihrem Haar verdeckt wurde. Für mich war diese Narbe kein Makel, sondern sie erinnerte mich daran, wie stark meine Frau war.
»Wow, Mom«, stieß Evan aus. »Du siehst schön aus.«
Lorie schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Danke, mein Großer.«
»Und ich?«, schaltete Lizzie sich ein.
»Du auch.« Er musterte seine Schwester. »Aber Mom sieht schöner aus als du.«
»Kleiner Schleimscheißer«, murmelte sie.
Lorie kam zu mir. Sie trug ein hellblaues Sommerkleid und flache Ballerinas.
»Hey, Babe«, raunte ich ihr zu und legte meine Hand auf ihre Hüfte. »Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag.«
»Dir auch, Honey.« Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küsste mich sanft. »Kannst du glauben, dass es schon vierzehn Jahre sind?«
»Ich kann nicht glauben, dass du es schon so lange mit mir aushältst«, erwiderte ich trocken.
Sie verzog ihre Lippen zu einem Lächeln. »Ich schon, immerhin bist du pflegeleichter, als du denkst.«
»Gott, ihr seid so peinlich«, beschwerte sich Lizzie.
Lorie löste sich von mir. Allerdings sah sie dabei unsere Tochter an. »Warte ab, bis du zum ersten Mal so richtig verliebt bist.«
»Ich werde mich bestimmt niemals so benehmen.«
»Das habe ich in deinem Alter auch behauptet«, erwiderte Lorie ruhig.
Lizzie hob eine Augenbraue. »Du hast Dad doch erst auf der Uni kennengelernt.«
»Aber ich war schon vorher verliebt.«
Nun zog ich ebenfalls eine Braue in die Höhe. »Ach ja? In wen denn bitte?«
Lorie zog die Schultern hoch. »In ein Mitglied der Backstreet Boys.«
»Das zählt nicht«, hielt ich dagegen.
»Zum Glück bist du nicht derjenige, der das entscheidet.« Lorie grinste mich an.
Evan kam zu uns und reichte seiner Mom den Blumenstrauß.
»Sind die für mich?«
»Von Dad«, antwortete Evan.
»Wie jedes Jahr«, fügte Lizzie gelangweilt hinzu.
Lorie roch an den Blumen und ich sah, dass Tränen in ihren Augen standen, als sie mich wieder ansah. »Danke«, hauchte sie.
Ich schüttelte den Kopf. »Für dich immer wieder, Babe.« Ich beugte mich zu ihr und küsste sie sanft.
Es klopfte an der Tür und ich ging herüber. Bevor ich sie erreicht hatte, wurde sie geöffnet und Jax kam herein.
»Du weißt schon, dass man wartet, bis jemand aufmacht, oder?«, fragte ich interessiert.
»Seit wann muss ich bei dir warten?«, wollte er hingegen wissen und umarmte mich brüderlich. »Herzlichen Glückwunsch, Alter.«
»Danke.« Ich klopfte ihm auf den Rücken und schaute über seine Schulter nach draußen. »Wo sind die anderen?«, erkundigte ich mich, als ich mich von ihm löste.
»Vada versucht, Mason davon zu überzeugen, heute kein schwarzes Shirt zu tragen, weil es draußen gefühlt hundert Grad sind; Avery sucht sein Handy und Lynn steht dazwischen und erklärt ihren Brüdern, dass sie Idioten sind.«
»Also ist alles wie immer«, stellte ich trocken fest.
»Ganz genau.« Jax ging zu Lorie und zog sie vorsichtig in seine Arme. Obwohl ihr Rückfall Jahre her war, behandelte er sie immer noch, als sei sie zerbrechlich. Aber das taten wir alle, wenn wir nicht aufpassten. »Alles Gute zum Hochzeitstag.«
»Danke, Jax.« Sie drückte ihn fester. »Du darfst mich ruhig richtig umarmen, du brichst mir keine Knochen.«
»Ich weiß.«
»Offensichtlich nicht«, konterte sie.
Er lachte auf und schlang seine Arme fester um sie. »Ist es jetzt besser?«
»Auf jeden Fall.« Lorie löste sich von ihm, als Vada und ihre Kinder das Haus betraten. Es wurde recht laut, weil die fünf Kids durcheinander plapperten, während Vada erst mich und dann Lorie in die Arme nahm.
»Fährst du später bei mir mit?«, wandte Lynn sich an Lizzie.
»Nein«, grätschte ich dazwischen. »Du fährst bei uns mit.«
Lizzie verdrehte die Augen. »Siehst du? Er ist genauso furchtbar, wie ich immer sage.«
»Das war er schon immer«, erwiderte Lynn ernst, aber ich wusste, dass sie es nicht so meinte.
»Hey!«, protestierte ich amüsiert.
Lorie konnte sich kaum halten vor Lachen und nur wegen dieses Klangs breitete sich ein warmes Gefühl in meiner Brust aus. Es hatte Tage gegeben, an denen sie kaum die Augen öffnen konnte, aber heute stand sie neben mir, strahlte ihre typische Wärme und Lebenslust aus und machte sich nichts daraus, dass es gern mal chaotisch wurde, wenn wir neun zusammenkamen.
***
Wir fuhren zum Stone Mountain State Park. Sandra wartete bereits auf dem Parkplatz und umarmte Lorie lange, dann gingen wir gemeinsam zur alten Wassermühle, an der Lorie und ich früher unzählige Nachmittage verbracht hatten. Vor vier Jahren hatte ich Lorie beinahe hier verloren. Nachdem wir erfahren hatten, dass der Krebs zurück war, hatte sie sich hierher fahren lassen. Sie wollte nicht noch einmal durch die Hölle gehen und hatte mit dem Gedanken gespielt, die Behandlung abzulehnen. Ich hatte sie hier gefunden, mich zu ihr gesetzt und sie in den Arm genommen. Ohne ein Wort zu sagen, bis sie mir irgendwann versprochen hatte, alles zu tun, um den Krebs noch einmal zu besiegen.
Dieses Versprechen hatte ihr das Leben gerettet.
»Geht’s dir gut?«, fragte ich, als sie an meiner Seite ging.
Lorie sah mit gehobenen Augenbrauen zu mir hoch. »Ja.«
»Sicher?«
»Du weißt, dass du mich heute schon fünfmal gefragt hast, ob es mir gut geht, oder?«
»So oft war es sicher nicht«, antwortete ich.
»Doch.« Sie kam vor mich und ging auf die Zehenspitzen, dann küsste sie mein Kinn. »Mir geht’s gut. Wirklich.«
Ich nickte langsam. »Okay.«
Lorie neigte den Kopf. Sie betrachtete mich aufmerksam. »Du glaubst mir nicht.«
»Doch, aber ich mache mir eben Sorgen.«
»Ich weiß.« Sie ergriff meine Hand. »Und dafür liebe ich dich.«
Schließlich gingen wir weiter und erreichten die Wassermühle. In der Nähe breiteten wir die Decken aus und Evan half Vada dabei, die Teller zu verteilen. Mason und Avery warfen sich einen Ball zu. Dabei spielten sie so wild miteinander, dass Lynn ihnen drohte, sie in den Fluss zu werfen, falls die beiden sie oder das Essen treffen würden. Und Lizzie? Sie saß mit Kopfhörern in den Ohren neben Sandra, zu der Lorie sich gerade auch gesellte.
»Sie ist noch da«, sagte Jax, als er an meine Seite getreten war.
Ich betrachtete meine Frau. »Ja.« Ich räusperte mich. »Sie ist noch da.«
Er legte seine Hand auf meine Schulter. »Und sie wird noch sehr lange da sein.«
»Ich hoffe es.«
»Du sollst nicht hoffen, sondern daran glauben, Alter«, sagte er.
Ich schnaubte amüsiert. »Seit wann siehst du die Dinge denn so positiv?«
»Seit ich mit deiner Schwester verheiratet bin.«
»Das habe ich gehört!«, rief Vada.
»Das solltest du auch!«, antwortete er, grinste mich an und ging zu meiner Schwester.
Ich seufzte. Anschließend setzte ich mich zu Lorie. Sofort schmiegte sie sich an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter.
Es war noch gar nicht so lange her, dass ich nur davon geträumt hatte, hier mit ihr und unseren Kindern zu sitzen. Damals erschien es mir beinahe unmöglich, doch heute nicht mehr. Der Traum war wahr geworden und mehr konnte ich wirklich nicht verlangen.
»Ist alles okay?«, fragte Lorie leise.
»Ja. Ich bin nur glücklich.«
»Puh, das erleichtert mich«, sagte sie trocken.
Ich lachte auf, legte meinen Arm um sie und drückte einen Kuss auf ihr schwarzes Haar.
***
Als die Sonne langsam unterging, packten wir zusammen. Sandra hatte sich schon von uns verabschiedet, Lynn war mit ihren Brüdern vorgefahren und meine Schwester würde meine Kinder mitnehmen.
Sie ließen Lorie und mich allein. Die Wassermühle drehte sich langsam und das Licht der Abendsonne wurde von der Wasseroberfläche reflektiert. Ich ergriff die Hand meiner Frau und ging mit ihr bis ans Ufer.
»Vor vier Jahren dachte ich, dass wir diesen Tag nicht miteinander erleben würden.« Meine Stimme brach beinahe.
Lorie verschränkte schweigend unsere Finger miteinander.
»Ich saß hier mit dir und hatte panische Angst. Du warst so verdammt müde und ich wusste nicht, ob du noch mal kämpfen würdest.«
»Ihr habt mir die Kraft und den Mut gegeben, es noch einmal zu versuchen«, sagte sie leise.
»Und du hast uns nicht allein gelassen.«
»Das werde ich niemals, Honey.« Lorie kam vor mich und nahm mein Gesicht in ihre Hände. »Ich habe vor jedem Kontrolltermin Angst, aber dann erinnert ihr mich daran, dass ich das nicht allein durchstehen muss.«
»Du wirst nie wieder irgendetwas allein durchstehen müssen, Babe.« Ich beugte mich zu ihr und verschloss ihre Lippen mit einem Kuss. Es fühlte sich immer noch genauso an wie beim ersten Mal. Damals konnte ich nicht ahnen, was wir alles miteinander durchstehen würden. Ich hatte genauso wenig gewusst, dass sie meine Frau und die Mutter meiner Kinder werden würde. Ich wusste nur, dass ich mich vom ersten Moment an in ihren blauen Augen verloren hatte. Als ich den Kuss löste, lehnte ich meine Stirn an ihre. »Bist du glücklich?«
»An jedem einzelnen Tag«, wisperte sie. »Und du?«
»Geht mir genauso.«
»Auch nach vierzehn Jahren?«
»Oh ja.« Ich küsste ihre Nasenspitze. »Du hast mir all das geschenkt, was ich mir immer gewünscht habe.«
»Du mir auch, Mase.«
Ich zog sie in meine Arme. »Ich liebe dich, Babe.«
»Seit wann?«, fragte sie lächelnd, als sie zu mir hochschaute.
»Ich liebte dich gestern schon.« Ich hauchte einen Kuss auf ihre Schläfe. »Ich tue es heute noch, morgen wieder und werde es bis in alle Ewigkeit tun.«
»Wie kitschig«, stieß sie gespielt angewidert aus.
Ich lachte auf. »Das habe ich von dir.«
»Na gut, dann verzeihe ich dir.« Sie schlang ihre Arme um mich. »Ich liebe dich auch, Honey.«
Ich schloss die Augen und hielt meine Frau einfach nur fest. Lorie hatte mir wundervolle Jahre und noch wundervollere Kinder geschenkt. Wir hatten den Krebs nicht vergessen, aber wir waren froh, dass er Lorie nicht besiegt hatte, sondern dass sie noch bei uns war.
Und ich war ihr unendlich dankbar für jeden einzelnen Tag, denn sie machte mein Leben zweifellos zu etwas Besonderem.
Ende
